Weil ich es brauche.

Weil ich es brauche

Es ist mittlerweile dunkel. Aber davon bekomme ich nichts mit. Ich sitze an meinem neuen Schreibtisch, unter meiner neuen Lampe, fühle mich endlich wohler an dem Platz, an dem ich die meiste Zeit meines Tages verbringe. Benni schmunzelt nur, als ich ihm die neuen Poster zeige, die ich mir für meinen neuen Arbeitsplatz bestellt habe. Ich weiß, was er denkt. Und dafür, dass er es nicht ausspricht, bin ich ihm unendlich dankbar. Er weiß, dass ich hin und wieder einen Tapetenwechsel brauche. Dass mich Kleinigkeiten wie eine neue Schreibtischlampe glücklich machen – zumindest für den Moment. Mein Blick schweift zur Seite und ich sehe die Berge von Umzugskartons und Kisten. Nicht aber weil wir umziehen, sondern weil ich einen Tapetenwechsel gebraucht habe. Wortlos lässt er mich die ganze Wohnung auf den Kopf stellen. Möbelstücke verkaufen, um neue anzuschaffen und unser Zuhause noch wohnlicher zu machen.

Zumindest für mich. Für den Moment.

Wenn ich es auf die Spitze treibe, fragt er ganz ruhig mit einem Lächeln im Gesicht „Muss das denn wirklich sein, Schatz? Brauchen wir das wirklich?“ Dann rede ich mich um Kopf und Kragen, um ihn irgendwie davon zu überzeugen, dass wir das wirklich brauchen. Auch wenn ich weiß, dass es nicht so ist. Aber ich brauche es.

Für mich. Für den Moment.

Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich nach neuen Wohnungen schaue. Wohnungen, die wir uns nicht leisten können. Die ich innerlich aber schon einrichte. „Wir brauchen mehr Platz“, jammere ich immer wieder beim Abendessen. Aber brauchen wir das wirklich?

Ja!

Nein.

Vielleicht.

Ich arbeite besser, seit ich mich in unserem Arbeitszimmer wohler fühle. Ich bin produktiver. Freue mich, wenn ich mich am Morgen mit meiner Tasse Kaffee an den Tisch setze, den Laptop aufklappe und meine neue Schreibtischlampe anschalte. Die vielen Kisten machen mich aber unruhig. „Alles ist so unfertig – das macht mich verrückt!“, lässt Benni mich ständig meckern. Daran, dass das meine ganz eigene schuld ist, erinnert er mich nicht. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Unsere Wohnung war in den letzten fünf Jahren schon viele Male fertig. Und wieder unfertig. Und sicherlich weiß er, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass ich einen Tapetenwechsel brauche. Aber er beschwert sich nicht. Er lässt mich machen. Weil er weiß, dass ich das brauche.

Für mich. Zumindest für den Moment.

Immerhin verlasse ich nicht mehr die Stadt, oder gar das Land, wenn ich mich nach einem Tapetenwechsel sehne, versuche ich mich selbst zu rechtfertigen. Ob Benni das auch so sieht? Und mich deshalb machen lässt? Stunden bei Ikea mit mir verbringt, weil er weiß, dass das alles besser ist, als zum vierten Mal eine Fernbeziehung zu führen?

Auf meiner inneren Liste stehen schon wieder ein paar Kleinigkeiten, die ich gerne ändern würde. Im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer, in meinem Kleiderschrank. Aber diesmal bin ich es, die mich bremst. „Brauchen wir das wirklich?“ – „Nein, tun wir nicht“, muss ich mir ehrlich eingestehen. Und solange aus Wollen nicht Müssen wird, halte ich mich zurück. Bleibe ruhig und besonnen. So wie Benni es immer tut.

Für ihn. Für uns. Zumindest für den Moment.

 

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2 Comments

  1. christina czok
    January 16, 2017 / 8:50 pm

    Das ist wirklich eine wundervoller Text und du bist so ehrlich zu dir, dass mich das echt rührt.

    • Sarah
      February 8, 2017 / 5:29 pm

      Oh danke Mami! :*

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